„Vorfahrt für die betriebliche Erstausbildung!“

karriere-aktuell.de 5. März 2014

Siegen – „Volle Auftragsbücher nutzen überhaupt nichts, wenn man nicht über das Personal verfügt, das die Aufträge abarbeiten kann. Die Zahl der Schulabgänger sinkt, die Studierneigung steigt. Eine sinkende Nachfrage nach betrieblichen Lehrstellen ist die Folge. Wenn zugleich die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen zurückgeht, haben wir es zweifellos mit einem handfesten strukturpolitischen Problem zu tun.“ Dies betonte IHK-Vizepräsident Christian F. Kocherscheidt bei der Präsentation grundlegender Aussagen zum schul- und berufsbildungspolitischen Reformbedarf, die die IHK-Vollversammlung kürzlich beschlossen hat. Je knapper qualifizierte Fach- und Führungskräfte seien, desto kreativer müsse die betriebliche Personalarbeit ausgestaltet werden. Seit jeher setzten die Unternehmen darauf, dass betriebliche Produkte und Prozessinnovationen stets von Neuem durch die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Facharbeitern, Ingenieuren und Technikern vorangetrieben würden. Hierin liege eine der wesentlichen Stärken unserer Region. Solle dies zukünftig so bleiben, müsse das hohe Niveau der betrieblichen Erstausbildung beibehalten und die Attraktivität der betrieblichen Lehre „auf breiter Front“ gesteigert werden.

Die Unternehmen seien gut beraten, ihre eigene Personalarbeit weiter zu professionalisieren. Hierzu würden sich Auslandsaufenthalte während der betrieblichen Ausbildung, die Vermittlung von Zusatzqualifikationen, überbetriebliche Module zur Veredelung der einzelbetrieblichen Erstausbildung, aber auch die konsequente Nutzung dualer Studienangebote anbieten, betonte Kocherscheidt. Zugleich gelte es, flächendeckend neue Ansätze in der Ausbilderqualifizierung zu etablieren, um die betrieblichen Ausbilder noch umfassender als bisher schon zu qualifizieren. Daher habe die IHK die regionale Ausbilder-Akademie aus der Taufe gehoben. Um zusätzliche Projekte im Themenfeld Personalentwicklung zu initiieren und zu fördern, werde die IHK in den kommenden vier Jahren über zwei Millionen Euro in Vorhaben zur Fachkräftesicherung investieren. Kocherscheidt: „Wir verfügen als IHK über erhebliches Know-how in diesem Themenfeld. Wir wollen dieses Wissen noch stärker vor allem denjenigen kleinen und mittelständischen Betrieben zur Verfügung stellen, die nicht in der betrieblichen Erstausbildung aktiv sind.“

Aber nicht nur die Unternehmen seien gefordert, machte IHK-Hauptgeschäftsführer Franz J. Mockenhaupt deutlich. Man müsse noch früher ansetzen. Im Kern gelte es zunächst, die allgemein bildenden Schulen zur Wahrnehmung ihrer wesentlichen Aufgaben zu befähigen und insbesondere den Übergang von der Schule in den Beruf noch wirkungsvoller zu gestalten. Die IHK mache sich dafür stark, länderübergreifende Schulstandards zu definieren, die zwischen Kiel und Konstanz ein halbwegs vergleichbares Leistungsniveau sicherstellten – für den Unterricht, auch für die Prüfungen und selbstverständlich ebenfalls im Bereich der Berufsorientierung.

Mockenhaupt: „Je stärker die Internationalisierung des Wirtschaftsgeschehens voranschreitet, desto schwerer werden die gegebenen föderalistischen Strukturen zu vermitteln sein. Man kann keinem vernünftigen Menschen erklären, dass es in der Bundesrepublik 16 unterschiedliche Schulministerien gibt.“ Der gegebene föderale Staatsaufbau vergeude Effizienzpotentiale. Die Verantwortlichkeiten zwischen Bund, Ländern und Kommunen müssten neu justiert werden. Der Föderalismus behindere schul- und bildungspolitische Notwendigkeiten statt sie zu befördern. Die derzeitige Finanzierungspraxis im Bildungswesen sei suboptimal. In weiten Teilen müssten die Bundesländer bereits heute europäische Förderprogramme zur Finanzierung bildungsbezogener Vorhaben und Infrastrukturprojekte nutzen, da sie mit ihren eigenen Landeshaushalten an ihre Grenzen stießen und durch das Kooperationsverbot eine Finanzierung durch den Bund nicht möglich sei.

Das Kooperationsverbot in der Bildung sei nicht mehr zeitgemäß.

Zugleich gelte es, die Verantwortlichkeit der Lehrerschaft zu stärken. Christian Kocherscheidt: „Die Lehrer müssen wieder in die Lage versetzt werden, das zu tun, wofür sie bezahlt werden, nämlich unterrichten. Dies jedoch geht nur, wenn man die Schule weitgehend von ihr heute auferlegten Erziehungspflichten entbindet oder aber indem man sie in die Lage versetzt, diese Erziehungsaufgaben auch tatsächlich erfüllen zu können.“

Auch der Übergang von der Schule in den Beruf müsse noch wirkungsvoller gestaltet werden. Das Übergangssystem trage seinen Namen zu Unrecht. Der Begriff führe in die Irre. Ein System zeichne sich durch eine spezifische Ordnung aus, von Ordnung jedoch könne in diesem „System“ nach wie vor nicht die Rede sein. Weniger wäre hier mehr. Kocherscheidt: „Der Maßnahme-Dschungel muss endlich konsequent gelichtet werden. Zugleich sind die überbetrieblichen Lehrwerkstätten noch intensiver in die Berufsschulorientierung einzubinden.“


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